Bruchrechnen für Philosophen

Haben Sie sich schon mal Statistiken zur Zufriedenheit angeschaut?  Interessanterweise sind ältere Menschen in der Regel zufriedener als Jüngere. Ich habe mir immer wieder überlegt, wie diese Ergebnisse zu lesen sind. Es ist ja nicht so, dass das Älterwerden ganz ohne Probleme funktioniert. Man muss Verluste der eigenen Gesundheit hinnehmen, man verliert Freunde und das Ende rückt immer näher.

In einem Buch von Arthur C. Brooks stiess ich kürzlich auf eine mögliche Erklärung für dieses Phänomen: Er meinte, dass Menschen in der zweiten Lebenshälfte ihre Wünsche anpassen. Brooks beschreibt die Zufriedenheit als Gleichung: Im Zähler, also oberhalb des Bruchstriches steht alles, was man hat. Unter dem Bruchstrich, im Nenner, steht alles, was man will. (Zufriedenheit = was man hat : was man will) Wer also grosse Wünsche und Träume hat und nur einen Teil davon verwirklichen kann, ist weniger zufrieden als jemand, der sich nicht an Wünschen orientiert, sondern an Möglichkeiten. Und diese kompromisslos wahrnimmt. Das Geniessen des Momentes wird vermutlich einfacher, wenn man älter wird. Denn der Zwang Grosses zu leisten ist nicht mehr da, die Zeit auch nicht. Und man hat nicht mehr viel zu verlieren.

Ich möchte das an drei Beispielen illustrieren: Mein Vater wollte nicht viel, also störte es ihn auch nicht, dass er nicht so viel hatte. Fazit: Er war zufrieden. Eine Kollegin hat eigentlich recht viel, aber sie möchte immer etwas mehr. Fazit: Sie ist selten zufrieden. Ein befreundetes Ehepaar will viel und hat auch viel. Fazit: Sie sind zufrieden – aber mathematisch gesehen nicht unbedingt zufriedener als mein Vater, der wenig hatte und wenig wollte.

 Literatur: Arthur C. Brooks. Der beste Rat für ein gutes Leben.

  

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